Astropage.eu on Tour: Tag der Astronomie 2015 nahe Günzburg

Die partielle Sonnenfinsternis vom 20. März 2015, Einzelbild aus dem unten eingebundenen Video. (astropage.eu)
Die partielle Sonnenfinsternis vom 20. März 2015, Einzelbild aus dem unten eingebundenen Video. (astropage.eu)

Angesichts schlechter Wetterprognosen für Nord- und Westdeutschland hatten wir uns entschieden, den Tag der Astronomie 2015 weiter im Südosten des Landes zu verbringen – dank guter persönlicher Kontakte fiel die Wahl auf ein kleines Örtchen nahe Günzburg. Vor der Abfahrt stand allerdings noch eine Runde Kofferraumtetris auf dem Programm. Die erforderlichen technischen Gerätschaften bestanden nämlich aus mehreren ziemlich sperrigen Dingen, die nicht mal eben schnell eingeladen sind (dazu später mehr).

Nach der Ankunft am Ziel hatten wir ein paar Tage Zeit, um die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Zum Beispiel musste ein guter Beobachtungsstandort ausgewählt werden. Der zum Haus gehörende PKW-Standplatz erwies sich als vielversprechend, da das seltene Ereignis hier über seine gesamte Dauer hinweg verfolgt werden konnte, was im Garten leider nicht möglich gewesen wäre. Der an der Straße gelegene Standort hatte außerdem den Vorteil, dass interessierte Fußgänger und Radfahrer einen kurzen Blick auf die sich verfinsternde Sonne werfen können. Unser Standort in der Nähe von Günzburg ist eher ländlich geprägt und lag etwas "weitab vom Schuss", wie man so schön sagt. Aus diesem Grund entschlossen wir uns dazu, ein paar Flyer in gut frequentierten Geschäften auszulegen.

Der Tag vor der Sonnenfinsternis sollte als Generalprobe für die Technik dienen, also bauten wir die Gerätschaften nachmittags im Garten auf. Amateurastronomen und Hobbysterngucker sind oft begnadete Improvisationstalente, wenn es darum geht, Workarounds für ein auftretendes Problem(chen) zu finden. In unserem Fall bestand das Problem(chen) darin, drei Optiken parallel auf dieselbe Montierung zu packen, ohne eine eigens für solche Zwecke erfundene (aber recht teure) Doppelbefestigungsschiene zu verwenden.

Nunja, MacGyver hätte das Problem zweifellos mit Kaugummipapier und einer Kugelschreibermine gelöst, aber wir mussten schwerere Geschütze auffahren: kleine Schraubzwingen aus dem Baumarkt und etwas stabilen Filz als Abstandshalter. Das nachfolgende Foto zeigt den "Versuchsaufbau" für das Experiment Sonnenfinsternis 2015. Es handelt sich dabei um ein Newton-Spiegelteleskop mit 130 Millimetern Öffnung und 650 Millimetern Brennweite (der weiße Tubus) und ein Maksutov-Spiegelteleskop mit 90 Millimetern Öffnung und 1.250 Millimetern Brennweite (schwarz). Dazwischen befinden sich noch eine Canon EOS 700D mit 300mm-Teleobjektiv und darüber ein 8×50-Sucher, der jedoch nicht für die Sonnenbeobachtung genutzt wurde.

Die Teleskope sind auf einer parallaktischen Montierung namens NEQ6 befestigt, die normalerweise ein 10-Zoll-Newton-Spiegelteleskop trägt. Das Setup war folgendermaßen geplant: Das Sonnenbild des 130/650-Newton sollte per Liveview auf den Laptop übertragen werden, so dass mehrere Zuschauer das Ereignis mitverfolgen können. Gleichzeitig sollte die zweite Canon-Kamera mit dem Teleobjektiv eine Reihe Aufnahmen machen – alle 30 Sekunden ein Bild. Die dritte Optik, das Maksutov-Spiegelteleskop, diente leichten Korrekturen der automatischen Nachführung und dem visuellen Beobachten mit höherer Vergrößerung. Vor allen Optiken befanden sich Sonnenfilter für visuelle Beobachtungen, die fest auf den Teleskopen saßen.

Das Setup für die Sonnenfinsternis: Ein 130/650-Newton-Spiegelteleskop (weiß) und ein Maksutov 90/1250. Die dazwischen liegende Canon EOS 700D mit 300mm-Teleobjektiv ist hier nicht so gut erkennbar. (astropage.eu)
Das Setup für die Sonnenfinsternis: Ein 130/650-Newton-Spiegelteleskop (weiß) und ein Maksutov 90/1250. Die dazwischen liegende Canon EOS 700D mit 300mm-Teleobjektiv ist hier nicht so gut erkennbar. (astropage.eu)

Das Setup funktionierte so, wie wir uns das erhofft hatten. Es waren nur gelegentliche Korrekturen nötig, um die gesamte Sonnenscheibe im Blickfeld des Maksutov-Teleskops zu halten. Der 130/650-Newton und das 300mm-Teleobjektiv haben eine deutlich kleinere Brennweite, weshalb die Sonne hier ständig komplett und nahezu mittig im Blickfeld blieb. Generalprobe erfolgreich. Jetzt musste nur noch das Wetter mitspielen.

Und das Wetter spielte tatsächlich mit (was leider viel zu selten passiert, wie jeder Amateurastronom und Hobbysterngucker zu berichten weiß). Am Freitagmorgen sah der erste Blick aus dem Fenster vielversprechend aus: blauer Himmel und vereinzelte, kleine Wölkchen. So musste es die nächsten 4-5 Stunden bleiben. Das Aufbauen der Technik verlief problemlos – ganz wie in der Generalprobe. Eine gute halbe Stunde vor Beginn der partiellen Sonnenfinsternis waren die Teleskope aufgebaut, die Kameras angeschlossen und wir schon ganz aufgeregt.

Das aufgebaute Setup morgens vor Beginn der partiellen Sonnenfinsternis (astropage.eu)
Das aufgebaute Setup morgens vor Beginn der partiellen Sonnenfinsternis (astropage.eu)

Der ländliche Standort und die etwas unglückliche Zeitspanne vormittags an einem Werktag sorgten dafür, dass wir hauptsächlich "Laufkundschaft" begrüßen durften, die aber sehr interessiert an dem Ereignis war. Die aufkommenden Fragen waren breit gefächert – von der durchschnittlichen Dauer einer Sonnenfinsternis bis hin zu konkreten Fragen zur verwendeten Kamera- und Teleskoptechnik und den eingesetzten Sonnenfiltern.

Ein (offenbar hungriger) Zuschauer beobachtet die partielle Sonnenfinsternis durch das Maksutov-Teleskop (astropage.eu)
Ein (offenbar hungriger) Zuschauer beobachtet die partielle Sonnenfinsternis durch das Maksutov-Teleskop (astropage.eu)
Passanten bei der Sonnenbeobachtung. (astropage.eu)
Passanten bei der Sonnenbeobachtung. (astropage.eu)

Auch die automatische Reihenaufnahme mit der Canon EOS 700D und 300mm-Teleobjektiv hat zufriedenstellende Ergebnisse geliefert. Das unten eingebundene Video ist ein Zeitraffer, der das fast zweieinhalbstündige Ereignis auf 15 Sekunden zusammengestaucht. Er umfasst 286 Einzelaufnahmen, die im Abstand von jeweils 30 Sekunden mit ISO 100 und einer Belichtungszeit von 1/125 Sekunde gemacht wurden. Das Zentrieren der Sonnenscheibe und die Erstellung des Videos erfolgten mit dem Programm PIPP (Planetary Imaging PreProcessor). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es während der maximalen Bedeckung etwas kühler wurde und das Tageslicht diffuser wirkte.


Zeitraffer-Video der partiellen Sonnenfinsternis vom 20. März 2015. (astropage.eu)

Der Tag der Astronomie 2015 stand in diesem Jahr unter dem Motto "Schattenspiele" und bezog sich auf zwei Ereignisse, bei denen der Schatten eine wichtige Rolle spielte. Das erste Ereignis war die partielle Sonnenfinsternis am 20. März 2015, die wir erfolgreich beobachten und dokumentieren konnten, weil uns das Wetter gewogen war. Bei dem zweiten Ereignis hatten wir leider weniger Glück. Am Samstagabend sollte der Jupitermond Io vor dem Gasriesen vorbeiziehen und seinen Schatten auf die Wolkendecke Jupiters werfen. Aber die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes: Aufziehende Wolken und Regen. Da die Vorhersage für Freitagabend wesentlich besser war, planten wir eine zusätzliche Beobachtungssession ein, falls am Samstag tatsächlich keine Beobachtung möglich sein würde.

Nach dem sehr sonnigen Mittag und Nachmittag wurde es am Freitagabend dunstig. Dennoch konnten wir zumindest Jupiter und die Galileischen Monde kurz beobachten. Im Rahmen dieser Beobachtung entstand das unten stehende Bild mit dem Maksutov-Teleskop. Man erkennt die charakteristischen Wolkenbänder und sogar den Großen Roten Fleck. Bei dem Großen Roten Fleck handelt es sich um ein gigantisches Sturmsystem, das etwa doppelt so groß wie die Erde ist. Eine größere Version des Bildes gibt es hier. Das Bild wurde direkt vor den Augen der Zuschauer erstellt – natürlich ist es kein Einzelbild, sondern wurde mit dem Programm Autostakkert2! aus mehreren Frames eines Videos zusammengebastelt.

Jupiter am Abend des 20. März 2015, aufgenommen mit einem Maksutov 90/1250. (astropage.eu)
Jupiter am Abend des 20. März 2015, aufgenommen mit einem Maksutov 90/1250. (astropage.eu)

Auch bei unserem vorgezogenen Beobachtungsabend stellten die interessierten Anwesenden die eine oder andere Frage. Erwartungsgemäß drehten sich viele Fragen um die Größenverhältnisse und die Entfernungen im Sonnensystem. Der Größenvergleich des Großen Roten Flecks mit der Erde scheint praktisch immer Erstaunen hervorzurufen, dicht gefolgt von verblüfften Ausrufen wie "Boah" oder "Echt?". Der Anblick Jupiters "live" durch ein Teleskop ist immer wieder ein tolles Erlebnis – vor allem für diejenigen, die ihn vorher höchstens als hellen Punkt am Himmel gesehen haben. Aber auch, wenn man den Anblick von zahlreichen Beobachtungen schon kennt, ist er nicht weniger faszinierend.

Andere Fragen zielten mehr auf die großräumige Orientierung am Himmel ab: "Welches Sternbild ist das?". Einige besonders auffällige Sternbilder wie den mythischen Jäger Orion oder das "Himmels-W" Cassiopeia standen auf dem Programm. Dazu gehörten ein paar mit bloßem Auge erkennbare Deepsky-Objekte, allen voran der berühmte Orionnebel oder der Doppel-Sternhaufen h & Chi Persei. Unglücklicherweise nahm der Dunst dann langsam Überhand, was zusammen mit der Wettervorhersage nichts Gutes für den kommenden Tag verhieß. Der zweite Teil des Astronomietags 2015 fiel dann sozusagen ins Wasser. Dichte Wolkenbänder zogen über Süddeutschland hinweg und brachten gelegentliche Regenschauer mit – an astronomische Beobachtungen war nicht zu denken. Trotzdem war der Astronomietag 2015 unterm Strich ein Erfolg, da wir wenigstens die Sonnenfinsternis ungehindert verfolgen und einigen interessierten Passanten die Faszination Astronomie näherbringen konnten.

(THK)

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