Kleines Wasserinsekt produziert rekordbrechenden Gesang

Micronecta scholtzi (Jérôme Sueur, PloS ONE)
Micronecta scholtzi (Jérôme Sueur, PloS ONE)

Wenn man an einem Sommertag an einem europäischen Fluss entlang geht, hört man vielleicht die besten Sänger des Tierreichs. Sein Gesang klingt wie ein Gezwitscher und aus einem Meter Entfernung ist es genau so laut wie ein surrendes Elektrowerkzeug. Der Lärm ist umso unglaublicher, weil er von einem nur zwei Millimeter langen Insekt produziert wird – die kleine Wasserwanze Micronecta scholtzi aus der Familie der Ruderwanzen (Corixidae).

Micronecta bedeutet “kleiner Schwimmer” und die Bezeichnung ist treffend. Sie gehört zu den kleinsten der vielen Hundert Ruderwanzenspezies, die sich mit paddelförmigen Beinen über den Boden von Teichen und Flüssen bewegen. Die Männchen sind diejenigen, die singen, und sie singen oft in Chören, um die stillen Weiblichen anzulocken. Diese Gesänge sind sehr laut. Obwohl die Insekten unter Wasser leben, kann man ihre Lockrufe aus mehreren Metern Entfernung am Flussufer hören.

Jetzt hat Jérôme Sueur vom Natural History Museum in Paris die Gesänge von Micronecta scholtzi mit Unterwassermikrofonen gemessen. Er fand heraus, dass der kleine Schwimmer ein Rekordbrecher ist. Sie erreichen durchschnittlich 79 Dezibel – etwa die Lautstärke eines klingelnden Telefons oder einer Cocktailparty. Aber die maximale Lautstärke beträgt 105 Dezibel – lauter als eine Autohupe, ein Elektrowerkzeug oder eine passierende U-Bahn.

Es gibt Tiere, die deutlich lautere Gesänge produzieren. Der Rekord geht an den Pottwal, der unter Wasser Klicks von etwa 236 Dezibel erzeugen kann (äquivalent zu 170 Dezibel an Land). Andere Tiere wie Elefanten, Nilpferde und Delphine können lautere Gesänge als Micronecta produzieren.

Aber auf das Gewicht und die Größe bezogen gibt es keinen Wettbewerb. All diese Tiere sind sehr groß und es steht außer Frage, dass große Objekte lautere Klänge erzeugen können – man denke an den Unterschied zwischen einem Konzertverstärker und einem Paar Kopfhörer. Der Pottwal beispielsweise wird bis zu 16 Meter lang und bis zu 14 Tonnen schwer. Micronecta erzeugt ihren phänomenalen Gesang mit einem Körper, der nicht größer ist als einer dieser Buchstaben. Sueur verglich das Verhältnis von Lautstärke zur Körpergröße für 227 verschiedene Tiere – von Walen bis hin zu Insekten – und fand heraus, dass die Wasserwanze sie alle in Grund und Boden singt.

Lautstärkemessungen von Micronecta scholtzi (Jérôme Sueur, PloS ONE)
Lautstärkemessungen von Micronecta scholtzi (Jérôme Sueur, PloS ONE)

Wie macht ein so kleines Insekt so einen lauten Krach? Es ist nicht klar. Es scheint dafür seinen gerippten Penis an Kanten auf seinem Bauch zu reiben und seine Genitalien wie eine Miniatur-Geige zu spielen. Aber der “Bogen” ist hier nur 50 Mikrometer lang und es gibt keine offensichtlichen Körperteile, die den Lärm verstärken.

Aber vielleicht ist der Verstärker gar kein Körperteil. Wie andere Ruderwanzen, fängt Micronecta schultzi mittels mikroskopischer Härchen eine Luftschicht um seinen Körper ein. Diese Schicht hilft ihnen zu atmen, aber Sueur spekuliert, dass sie auch als eine Echokammer agieren könnte, die den Klang der Penis-Geige wieder und wieder reflektiert. Die Details sind allerdings ein Rätsel. Wie Sueur schreibt, “bleibt die Beobachtung der Mikromechanik solch eines kleinen Systems eine erhebliche Herausforderung.”

Sueur hat auch eine Theorie darüber, warum der Gesang der Ruderwanzen so laut ist. Er vergleicht den Gesang mit den komplexen Melodien von Vögeln oder den großen Geweihen von Hirschen – es ist ein sexuelles Signal, das auf ein starkes, leistungsfähiges Männchen hinweist. Wenn Weiblichen laute Männchen gegenüber ruhigeren bevorzugen, würde der Gesang der Männchen mit der Zeit überhöht werden.

Es gibt einige offensichtliche Möglichkeiten, um das zu testen. Wenn Sueur recht hat, sollten Weibchen lautere Männchen bevorzugen, was mit Lautsprechern und Aufzeichnungen leicht zu testen wäre. Sueur denkt auch, dass M. scholtzi möglicherweise keine Fressfeinde hat, die nach Gehör jagen – andererseits würden solche Räuber die Entwicklung eines extremen Gesangs begrenzen, indem sie die lautesten Männchen fangen. Wir wissen nichts darüber, welche Tiere M. scholtzi fressen und Sueur plant es herauszufinden.

Referenz: Sueur, Mackie and Windmill. 2011. So small, So Loud; Extremely High Sound Pressure Level from a Pygmy Aquatic Insect (Coricidae, Micronetinae). PloS ONE http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0021089

Quelle: http://blogs.discovermagazine.com/notrocketscience/2011/06/17/tiny-water-insect-makes-record-breaking-song-with-his-penis/

(THK)

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